“Ich wäre gerne ein Elefant”

Ralph BergmüllerTierische Polizisten, Affen-Kriege – und warum Ralph Bergmüller gerne ein Rüsseltier wäre: Der Verhaltensforscher im [SIC!]-Interview über Sicherheitsstrategien der Tiere. Mit Slideshow.

[SIC!]: Gibt es für Tiere überhaupt so etwas wie Sicherheit?

Ralph Bergmüller: Für Tiere ist Sicherheit das Hauptproblem überhaupt. Sie müssen auf Nahrungssuche gehen, sich fortpflanzen, Konkurrenten ausstechen – und ganz wichtig: Sich vor Beutegreifern schützen. Das alles fällt in den Bereich Sicherheit.

[SIC!]: Warum beißen manche Mütter ihre Nachkommen tot? Das ist doch kontraproduktiv.

Bergmüller: Manchmal ist es wirklich eine sinnlose Stressreaktion, aber nicht immer: Es kann auch eine Strategie sein. Bei schlechten Bedingungen fällt es so zum Beispiel leichter, den Ort zu wechseln.

[SIC!]: Welche Tiergruppen leben eigentlich am sichersten?

Bergmüller: Das kann man so nicht sagen, viele Faktoren spielen mit: Manche wählen Tarnung als Strategie, andere Gift. Ein wichtiger Faktor, um sich vor Beutegreifern zu schützen ist auch die Masse, also entweder die Körpergröße oder das Leben in einer großen Gruppe.
Eine andere Theorie ist, dass „lebende Fossilien“, wie die Pfeilschwanzkrebse, besonders sicher leben. Sie mussten sich nie an veränderte Umweltbedingungen anpassen. Aber jede Strategie hat auch ihre Nachteile.

Überlebenskünstler im Tierreich

Diese Diashow benötigt JavaScript.

[SIC!]: Na gut, dann anders gefragt: Vorausgesetzt, Sie müssten ab morgen als Tier in freier Wildbahn überleben – für welches würden Sie entscheiden?

Bergmüller: Also erstens einmal bin ich schon ein Tier. Der Mensch ist nichts weiter als ein sehr weit entwickelter Affe. Ein anderes Tier? Spontan würde ich sagen, Elefant. Er hat aufgrund seiner Größe keine Feinde, außer uns Menschen, ist sehr sozial und intelligent. Alles in allem führt der Elefant ein gemütliches und relativ sicheres Leben.

[SIC!]: Wie schützen sich Tiere vor der Zerstörung ihrer Lebensräume durch den Menschen?

Bergmüller: Besonders, wenn Veränderungen sehr schnell passieren, können sich viele Tiere nicht anpassen. Einige Singvögel, Füchse, Ratten und Fruchtfliegen werden als Kulturfolger bezeichnet, weil sie sich den Bedingungen, die die Menschen geschaffen haben, gut anpassen können.

Unkonventionelle Sicherheitsstrategie

[SIC!]: Sind Parasiten auf der sicheren Seite?

Bergmüller: Keinesfalls. Einerseits haben Parasiten selbst Parasiten – andererseits müssen sie mit Artgenossen konkurrieren. Außerdem gibt es ein evolutionäres Wettrennen zwischen Wirt und Parasit: jeder muss laufen, um auf der Stelle zu bleiben.

[SIC!]: Gibt es bei manchen Tierarten eine Art Polizei, die für die Sicherheit von anderen sorgt?

Bergmüller: Ja, besonders bei sozialen Insekten wie Ameisen, dort schützen wehrhafte Soldaten die gesamte Kolonie. Eine Art Polizei gibt es sogar zwischen den Arten. Die rauchgrauen Mangaben, eine Affenart in der Elfenbeinküste, gelten als besonders aufmerksam. Wenn sie sich auf den Boden wagen, machen das auch andere Primaten.

[SIC!]: Gibt es so etwas wie Kriege auch im Tierreich?

Bergmüller: Ja, das wurde bereits vor 30 Jahren in Afrika entdeckt. Verschiedene Affengruppen haben territoriale Auseinandersetzungen. Krieg gibt es also nicht nur bei uns Menschen.

Ralph Bergmüller ist seit 2004 Lehrbeauftragter und Forschungsassistent an der Universität Neuchâtel in der Schweiz. Zuvor schrieb er seine Doktorarbeit an der Universität Bern. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Entwicklung von kooperativem Verhalten bei Menschen und Tieren. Die Unterschiede in individuellen Verhaltensmustern sowie deren evolutionäre Entwicklung und Nutzen sind ebenso Inhalte seiner Arbeit. Er arbeitet unter anderem mit Victoriaseebarschen, Putzerfischen und Mangaben.

Stefanie Kompatscher
Karin Donnerbaum

Dieser Beitrag wurde unter Umwelt abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s